Die Ungarn-Deutschen – Geschichte und Gegenwart

Tauche ein in die spannende Welt der Ungarndeutschen und entdecke ihre reiche Geschichte, lebendige Kultur und aktuelle Situation in Ungarn.

Um was geht es?

Die Ungarndeutschen blicken auf eine lange Geschichte im Karpatenbecken zurück. Seit dem Mittelalter haben sie das Land mitgeprägt und eine einzigartige Kultur entwickelt. Heute bilden sie eine aktive Minderheit, die ihre Traditionen pflegt und sich für den Erhalt ihrer Sprache und Identität einsetzt. Dieser Artikel gibt dir einen umfassenden Einblick in die faszinierende Welt der Ungarndeutschen.

Markus Messemer

Auf den Spuren der Ungarndeutschen: Von den Anfängen bis heute

Die Anfänge der Deutschen in Ungarn

Die Geschichte der Deutschen in Ungarn reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Bereits unter König Stephan I. im 11. Jahrhundert, aber verstärkt unter König Géza II. im 12. Jahrhundert, siedelten sich deutsche Ritter, Priester, Mönche, Handwerker und Bauern im Karpatenbecken an. Diese frühen Siedler, darunter die bekannten Siebenbürger Sachsen, die vor allem nach Siebenbürgen gerufen wurden, leisteten einen wichtigen Beitrag zur Christianisierung, zur Verteidigung der Grenzen und zur wirtschaftlichen sowie städtischen Entwicklung des Königreichs Ungarn. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte kamen immer wieder deutsche Siedler nach Ungarn, die insbesondere im Bergbau, im Handwerk und in der Landwirtschaft tätig waren und oft spezielle Kenntnisse mitbrachten.

Die große Einwanderungswelle im 18. Jahrhundert: Der „Schwabenzug“

Eine besonders massive Einwanderungswelle, oft als „Großer Schwabenzug“ bezeichnet, fand im 18. Jahrhundert statt. Nach der Vertreibung der Osmanen aus weiten Teilen Ungarns war das Land teilweise stark entvölkert und verwüstet. Die habsburgischen Herrscher, beginnend mit Karl VI., aber vor allem unter Maria Theresia und Joseph II., warben gezielt deutsche und andere Siedler an, um diese Gebiete wieder urbar zu machen und wirtschaftlich zu entwickeln. Diese Siedler kamen hauptsächlich aus den südwestdeutschen Territorien (Schwaben, Elsass, Lothringen), dem Rheinland, Hessen und der Pfalz. Sie siedelten sich vornehmlich in der Ungarischen Tiefebene an, insbesondere in der Batschka, im Banat, im Sathmarer Land und in der sogenannten „Schwäbischen Türkei“ (ein Gebiet, das Teile der heutigen Komitate Tolna – wo Bonyhád liegt –, Baranya und Somogy umfasst). Sie brachten ihre jeweiligen regionalen Dialekte, Bräuche und landwirtschaftlichen Kenntnisse mit. Diese Siedlergruppe bildet den Kern dessen, was später als „Donauschwaben“ bezeichnet wurde, auch wenn nicht alle aus Schwaben stammten.

Entwicklung einer einzigartigen Kultur

Im Laufe der Zeit entwickelten die verschiedenen Gruppen der Ungarndeutschen eine vielfältige Kultur, die sowohl die Traditionen ihrer deutschen Herkunftsregionen als auch ungarische Einflüsse in sich vereinte. Sie bewahrten lange Zeit ihre deutschen Dialekte (die sich je nach Siedlungsgebiet unterschieden), ihre Religion (meist katholisch, aber auch evangelisch), ihre Bräuche und Traditionen, passten sich aber gleichzeitig an ihre neue Heimat an und lebten oft in enger Nachbarschaft mit Ungarn, Serben, Kroaten und anderen Ethnien. Viele rein deutsche oder gemischtsprachige Dörfer und Städte entstanden, prägten die Kulturlandschaft und existieren teilweise bis heute, auch wenn die deutsche Sprache nicht mehr überall dominant ist.

Herausforderungen im 20. Jahrhundert: Vertreibung und Verfolgung

Das 20. Jahrhundert brachte für die Ungarndeutschen tiefgreifende Umbrüche und Katastrophen. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Vertrag von Trianon wurden viele Siedlungsgebiete auf die Nachbarstaaten Rumänien und Jugoslawien aufgeteilt. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Ungarndeutsche zur deutschen Wehrmacht oder Waffen-SS eingezogen, teils freiwillig, teils unter Zwang.
Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten sie unter dem Vorwurf der Kollektivschuld in den Fokus ethnischer Säuberungen. Auf Grundlage der Potsdamer Beschlüsse, aber auch aufgrund innenpolitischer Interessen, wurden zwischen 1946 und 1948 etwa 200.000 bis 220.000 Ungarndeutsche zwangsausgesiedelt und enteignet. Dieser Unterschied in den Zahlen und die Tatsache, dass nicht die gesamte deutsche Minderheit vertrieben wurde, erklärt sich dadurch, dass lokaler Widerstand, praktische Schwierigkeiten bei der Durchführung und individuelle Strategien (wie Mischehen, Namensänderung oder Verbergen der Identität) eine vollständige Deportation verhinderten.
Die meisten Vertriebenen wurden nach Deutschland deportiert, vor allem in die amerikanische und sowjetische Besatzungszone, und verloren ihre gesamte Habe und ihre angestammte Heimat. Zusätzlich zur Vertreibung wurden bereits zwischen Ende 1944 und Anfang 1945 etwa 32.000 arbeitsfähige ungarndeutsche Männer und Frauen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt (bekannt als „Malenkij Robot“ – kleine Arbeit). Sie mussten unter oft unmenschlichen Bedingungen in Bergwerken, Fabriken oder beim Wiederaufbau arbeiten. Tausende überlebten die Strapazen nicht und kehrten nie zurück.

Die sozialistische Ära und der Assimilationsdruck

Während der kommunistischen Herrschaft in Ungarn (ca. 1948-1989) unterlagen die verbliebenen Ungarndeutschen einem erheblichen Assimilationsdruck. Obwohl es ab den 1950er Jahren theoretisch wieder erlaubte kulturelle Aktivitäten gab, wurde die deutsche Sprache und Kultur im öffentlichen Leben stark zurückgedrängt. Deutschsprachiger Unterricht war lange Zeit kaum vorhanden oder nur sehr eingeschränkt möglich. Viele Ungarndeutsche gaben aus Angst vor Diskriminierung oder um ihren Kindern bessere Chancen zu ermöglichen, ihre Sprache und sichtbaren Bräuche auf und assimilierten sich an die ungarische Mehrheitsgesellschaft.

Die Renaissance der Ungarndeutschen nach 1989

Seit der politischen Wende 1989/1990 erleben die Ungarndeutschen eine kulturelle Renaissance. Mit dem Minderheitengesetz von 1993 wurden sie als staatlich anerkannte nationale Minderheit etabliert, mit dem Recht auf kulturelle Autonomie und eigene Selbstverwaltungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene (die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen – LdU – als Dachorganisation). Seither pflegen sie wieder aktiv ihre Sprache und Kultur. Es gibt zahlreiche deutsche Kulturvereine, Tanzgruppen, Chöre, ein Netz von deutschen Nationalitätenschulen und Kindergärten sowie eigene Medien (z.B. die Wochenzeitung „Neue Zeitung“, Radio- und Fernsehsendungen). Auch der Tourismus in den ungarndeutschen Regionen hat zugenommen, da viele Nachkommen der Vertriebenen und historisch Interessierte die einzigartige Kultur, die Architektur und die Gastfreundschaft kennenlernen möchten.

Die Ungarndeutschen heute

Heute sind die Ungarndeutschen eine lebendige und gut organisierte Minderheit, die einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Reichtum und zur Vielfalt Ungarns leistet. Laut der Volkszählung von 2022 bekannten sich rund 120.000 Menschen zur deutschen Nationalität und etwa 142.000 gaben Deutsch als ihre Muttersprache oder familiär verwendete Sprache an (die Zahlen sind jedoch komplex, da die Identifikation freiwillig ist und viele auch Ungarisch als Muttersprache haben). Ein bedeutender Teil der Donauschwaben ist im Land geblieben und bildet in einzelnen Gemeinden, insbesondere in der „Schwäbischen Türkei“ (deren Zentrum in Pécs liegt), im Komitat Komárom-Esztergom oder in der Nähe von Budapest, immer noch eine sichtbare Bevölkerungsgruppe. Die Volkszählung von 2011 zeigte Orte wie Ófalu, Ganna oder Vaskeresztes mit über 40% deutschstämmigem Anteil, was die lokale Verwurzelung unterstreicht. Sie sind stolz auf ihre Herkunft, ihre Dialekte und Traditionen, verstehen sich aber gleichzeitig als loyale Bürger Ungarns und sind fest in der ungarischen Gesellschaft verankert. Für Auswanderer, Touristen und Ungarn-Interessierte bieten die ungarndeutschen Regionen faszinierende Einblicke in eine über Jahrhunderte gewachsene, eigenständige Kultur und Geschichte.

Markus Messemer

Nützliche Links

Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen [https://ldu.hu] Offizielle Webseite der Landesselbstverwaltung mit Informationen zu aktuellen Ereignissen, Projekten und Einrichtungen der Ungarndeutschen.

Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum [http://www.zentrum.hu/de/] Das Zentrum in Budapest bietet Sprachkurse, kulturelle Veranstaltungen und eine Bibliothek mit Literatur zur ungarndeutschen Geschichte und Kultur.

Ungarndeutsche Bibliothek [https://bibliothek.hu/de/] Online-Bibliothek mit einer großen Sammlung an Büchern, Zeitschriften und Dokumenten zur Geschichte und Kultur der Ungarndeutschen.

Zur Sprache und Volkskultur der Ungarndeutschen – Lehrbuch zur Minderheitenkunde [https://www.sulinet.hu/oroksegtar/…] Interessante und ausführliche Dokumentation des Themas

Ungarisch? Deutsch? Ungarndeutsch? Impresssionen aus Városlöd/Waschludt  [https://www.youtube.com/watch?v=4QST6b-2vYE] Ungarndeutsche erzählen über ihre Kultur

Markus Messemer

Fragen und Antworten

Welche Rolle spielten die Ungarndeutschen in der Geschichte Ungarns?
Die Ungarndeutschen leisteten seit dem Mittelalter einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung Ungarns, vor allem in Bereichen wie Bergbau, Handwerk, Landwirtschaft und Kultur. Sie trugen zur Christianisierung bei und prägten das Land mit ihrer einzigartigen Kultur und ihren Traditionen.

Wo leben heute die meisten Ungarndeutschen?
Die größten ungarndeutschen Gemeinden finden sich vor allem in Westungarn, im Ungarischen Mittelgebirge, in der Schwäbischen Türkei (Komitate Tolna, Baranya, Somogy) und in der Region um Budapest. Aber auch in anderen Landesteilen gibt es noch ungarndeutsche Siedlungen.

Wie pflegen die Ungarndeutschen heute ihre Kultur und Traditionen?
Die Ungarndeutschen pflegen ihre Kultur und Traditionen auf vielfältige Weise, zum Beispiel durch Trachten, Volkstänze, Musik, Feste und Bräuche. Es gibt zahlreiche Kulturvereine, Chöre, Tanzgruppen und Veranstaltungen, die zum Erhalt und zur Weitergabe der ungarndeutschen Kultur beitragen.

Markus Messemer

Praxistipp

Um die ungarndeutsche Kultur und Geschichte hautnah zu erleben, empfiehlt es sich, die ungarndeutschen Regionen zu bereisen und an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen. Der Besuch von Museen, Ausstellungen und Kulturvereinen bietet spannende Einblicke. Auch der direkte Kontakt mit Ungarndeutschen, zum Beispiel durch Sprachkurse oder gemeinsame Aktivitäten, ist eine bereichernde Erfahrung.

Markus Messemer

Ungarisch direkt übersetzt

A németek már a középkorban letelepedtek a Kárpát-medencében.
Die Deutschen schon das Mittelalter-im sich-niederließen die Karpaten-Becken-in.
Die Deutschen ließen sich bereits im Mittelalter im Karpatenbecken nieder.

A 18. században nagy német bevándorlási hullám indult Magyarországra.
Die 18. Jahrhundert-in große deutsche Einwanderungs-Welle begann Ungarn-nach.
Im 18. Jahrhundert begann eine große deutsche Einwanderungswelle nach Ungarn.

A 20. század nehéz időket hozott a magyarországi németeknek.
Die 20. Jahrhundert schwere Zeiten (Akk) brachte die ungarischen Deutschen-für.
Das 20. Jahrhundert brachte schwere Zeiten für die Ungarndeutschen.

1989 óta a magyarországi németek kultúrája újjáéledt.
1989 seit die ungarische Deutschen Kultur-ihre wieder-auflebte.
Seit 1989 erlebte die Kultur der Ungarndeutschen eine Wiedergeburt.

Markus Messemer

Übersetzungen und ihre Erläuterung

Anhand der folgenden Beispiele wird deutlich, wie die ungarische Sprache Wörter durch die Kombination von Wortstämmen, Präfixen und Suffixen bildet. Für Lernende kann es hilfreich sein, diese Struktur zu verstehen, um die Bedeutung neuer Wörter leichter zu erschließen und sich die Vokabeln besser einzuprägen.

svábok – Schwaben
„Svábok“ ist die ungarische Bezeichnung für die „Schwaben“, eine deutsche Volksgruppe. Es ist ein eigenständiges Wort und lässt sich nicht weiter in bedeutungstragende Bestandteile zerlegen. Als Bestandteil findet sich „sváb“ zum Beispiel in „svábdialektus“ (Schwäbischer Dialekt) oder „svábkonyha“ (Schwäbische Küche).

német nemzetiség – deutsche Nationalität
„Német nemzetiség“ besteht aus „német“ (deutsch) und „nemzetiség“ (Nationalität). „Nemzetiség“ leitet sich von „nemzet“ (Nation) ab und bezeichnet eine ethnische oder nationale Zugehörigkeit. Zusammen ergibt sich die Bedeutung „deutsche Nationalität“ oder „deutsche Volksgruppe“.

kitelepítés – Vertreibung
„Kitelepítés“ ist eine Ableitung des Verbs „kitelepíteni“ (vertreiben, umsiedeln). Das Präfix „ki-“ bedeutet „heraus“ oder „weg“, während „telepíteni“ vom Substantiv „telep“ (Siedlung) stammt. Insgesamt bezeichnet „kitelepítés“ die „Vertreibung“ oder „Umsiedlung“ von Menschen aus einer Siedlung.

hagyományőrzés – Traditionspflege
„Hagyományőrzés“ setzt sich aus „hagyomány“ (Tradition) und „őrzés“ (Bewahrung, Pflege) zusammen. „Hagyomány“ stammt vom Verb „hagyni“ (lassen, hinterlassen) ab. „Őrzés“ leitet sich vom Verb „őrizni“ (bewahren, hüten) ab. Zusammen ergibt sich die Bedeutung „Traditionspflege“ oder „Bewahrung von Traditionen“.

nemzetiségi önkormányzat – Minderheitenselbstverwaltung
„Nemzetiségi önkormányzat“ besteht aus „nemzetiségi“ (Minderheiten-), „ön-“ (selbst-) und „kormányzat“ (Regierung, Verwaltung). „Nemzetiségi“ stammt von „nemzetiség“ (Nationalität) ab. Insgesamt bezeichnet „nemzetiségi önkormányzat“ eine „Minderheitenselbstverwaltung“, also eine Verwaltungseinheit für ethnische Minderheiten.

anyanyelv – Muttersprache
„Anyanyelv“ setzt sich aus „anya“ (Mutter) und „nyelv“ (Sprache) zusammen. Es bezeichnet die „Sprache der Mutter“ oder die „Muttersprache“, also die Sprache, die man von klein auf in der Familie lernt.

népszokások – Volksbräuche
„Népszokások“ besteht aus „nép“ (Volk) und „szokások“ (Bräuche). „Szokások“ ist die Pluralform von „szokás“ (Brauch), das vom Verb „szokni“ (gewohnt sein) abgeleitet ist. Zusammen ergibt sich die Bedeutung „Volksbräuche“, also Traditionen und Gewohnheiten eines Volkes.

népviselet – Tracht
„Népviselet“ setzt sich aus „nép“ (Volk) und „viselet“ (Tracht, Kleidung) zusammen. „Viselet“ stammt vom Verb „viselni“ (tragen) ab. Insgesamt bezeichnet „népviselet“ die „Tracht“ oder traditionelle Kleidung eines Volkes.

kultúregyesület – Kulturverein
„Kultúregyesület“ besteht aus „kultúra“ (Kultur) und „egyesület“ (Verein). „Egyesület“ leitet sich vom Verb „egyesül“ (sich vereinigen) ab. Zusammen ergibt sich die Bedeutung „Kulturverein“, also ein Verein zur Pflege kultureller Traditionen.

kétnyelvű oktatás – zweisprachige Bildung
„Kétnyelvű oktatás“ setzt sich aus „kétnyelvű“ (zweisprachig) und „oktatás“ (Bildung, Unterricht) zusammen. „Kétnyelvű“ besteht aus „két“ (zwei) und „nyelvű“ (sprachig, von „nyelv“ – Sprache). „Oktatás“ stammt vom Verb „oktatni“ (unterrichten) ab. Insgesamt bezeichnet „kétnyelvű oktatás“ eine „zweisprachige Bildung“ oder einen „zweisprachigen Unterricht“.

Markus Messemer