Die ungarische Medienlandschaft
Beleuchten wir hier mal ein Thema, welches, aus unterschiedlichen Richtungen her betrachtet, sicher große Differenzen in der Wahrnehmung zeigt. Dieser Artikel möchte beide Seiten zu Wort kommen lassen und du solltest, wie das bei einem guten Medienkonsum immer dazu gehört, das mit deinem eigenen Erleben und Wissen abgleichen, bevor Du urteilst.
Die Medienlandschaft in Ungarn wird oft als stark polarisiert wahrgenommen. Es gibt eine klare Trennung zwischen regierungsnahen und oppositionellen Medien. Seit die Fidesz-Partei 2010 an die Macht kam, hat sich diese Spaltung weiter vertieft. Grund ist das damals von der Orbán-Regierung verabschiedete Mediengesetz, das europaweit für Schlagzeilen sorgte. Die weit auslegbaren Vorschriften darin verpflichten in erster Linie Journalisten öffentlich-rechtlicher Medien zu „ausgewogener Berichterstattung“ und zur „Stärkung der nationalen Identität“.
Aktuell heißt es oftmals, dass regierungsnahe Medien den Markt dominieren, während regierungskritische und unabhängige Stimmen oft unter finanziellen Druck geraten. Schaut man sich die Marktanteile an, lässt sich das jedoch nicht bestätigen. Und inwiefern damit aktuell auch wirklich eine freie Meinungsäußerung eingeschränkt oder gar durch Verbote oder staatliche Manipulation unterdrückt wird, sollte jeder selbst für sich recherchieren. Vielleicht hilft hier auch mal der Vergleich mit der deutschen Presselandschaft. Offizielle Stimmen reden dabei, eben im Vergleich zu Ungarn, von „hoher Medienvielfalt, zahlreichen unabhängigen Stimmen“ sowie „unabhängig von politischer Regulierung, weniger direkter Einfluss“.
Eine zentrale Rolle in der Diskussion über den Einfluss der Regierung auf die Medien spielt die KESMA-Stiftung (Közép-Európai Sajtó és Média Alapítvány | Zentral-Europäische Presse- und Medienstiftung). Sie kontrolliert etwa 500 (hauptsächlich kleine und ländliche) ungarische Medienunternehmen und wurde 2018 gegründet. In diesem Zusammenhang bedeutet „kontrolliert“ nicht notwendigerweise eine direkte redaktionelle Beeinflussung, sondern bezieht sich auf die Eigentümerschaft und die Möglichkeit, die strategische Ausrichtung und wirtschaftlichen Entscheidungen dieser Unternehmen zu steuern.
In einem neutralen Sinne lässt sich sagen, dass KESMA in erster Linie die wirtschaftliche und administrative Leitung der Unternehmen inne hat, was jedoch nicht zwangsläufig bedeutet, dass die redaktionelle Freiheit in jedem Fall eingeschränkt ist.
Aus konservativer Sicht wird die Gründung der Stiftung als notwendige wirtschaftliche Konsolidierung angesehen, um ein Gegengewicht zu den früher dominierenden liberalen Medien zu schaffen. Es wird dabei betont, dass besonders in den frühen 2000er Jahren der finanzielle Einfluss aus dem Ausland auf ungarische Medien problematisch war. Dieser Einfluss wurde als Gefahr für die nationale Souveränität und die patriotischen Werte des Landes wahrgenommen. Die Befürworter betonen, dass KESMA die ungarische Medienlandschaft ausgewogener gestaltet und sicherstellt, dass patriotische und konservative Positionen stärker Gehör finden. Der ausländische Einfluss über die Bertelsmann-Stiftung (mit dem reichweitenstärksten Fernsehsender „RTL Club“ sowie der Schweizer Ringier-Verlag mit der wichtigsten ungarischen Boulevardzeitung „Blikk“ sind dennoch weiterhin sehr präsent.
Zeitungen wie „Magyar Nemzet“ und das Nachrichtenportal „Origo“ zählen zu den einflussreichsten regierungsnahen Medien. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der jedoch nur einen geringen Marktanteil hat, wird als regierungsfreundlich eingestuft. Diese Medien präsentieren die Politik der Regierung oft in einem positiven Licht. Vermeintliche Zielgruppe scheinen, so eine weit verbreitete Meinung, nur die älteren Leser sowie die ländliche Bevölkerung zu sein. Das impliziert vermeintlich auch, dass in den Städten und bei den jüngeren Bürgern die Denkweise regierungskritisch ist. Ganz so pauschal sollte man das jedoch nicht sehen.
Oppositionelle und unabhängige Medien, die sich überwiegend im (heutzutage immer wichtiger werdenden) Online-Bereich etablieren konnten, publizieren eine kritischere Sicht auf die Regierung. Bekannte Beispiele sind „Telex“ und „444.hu“. Diese Medien sehen sich jedoch häufig, da sie deutlich weniger Werbeaufträge der Regierung bekommen bzw. ihre anderen Werbeeinnahmen hoch versteuern müssen, mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert und müssen sich oft über Spenden von Lesern finanzieren. Laut der Analyse „Pressefreiheit in Ungarn 2024“ konnten die bekanntesten regierungskritischen Medien ihre Einnahmen in den letzten Jahren jedoch verdoppelt. Sie erzielten im Jahr 2023 einen Gesamtgewinn nach Steuern von rund 4 Milliarden HUF (ca. 10 Millionen EUR). Einen wichtiger Anteil dabei hat auch die finanzielle Unterstützung durch ausländische Geldgeber: Schätzungsweise generieren diese jährlich mindestens eine Milliarde HUF der Einnahmen. Solchen Aussagen gegenüber steht jedoch z.B. die Schließung der oppositionellen Zeitung „Népszabadság“ im Jahr 2016 (wobei hier die wahren Beweggründe nie final ans Licht kamen).
Medienvielfalt und der Druck auf unabhängigen Journalismus
Trotz der Dominanz regierungsnaher Medien ist die Vielfalt der ungarischen Medienlandschaft bemerkenswert. Neben Tageszeitungen und Wochenzeitschriften gibt es zahlreiche Online-Portale, Fernsehsender und Radiosender. Besonders im Internet hat sich eine lebendige Medienszene entwickelt. Für internationale Auswanderer gibt es zudem englischsprachige Portale wie „Hungary Today“.
Dennoch scheint die Situation für unabhängige Journalisten schwieriger zu bleiben. Die finanziellen Hürden sind hoch, es gibt vereinzelt wohl auch Aussagen über Überwachung und Einschüchterung. Einige oppositionelle Radiostationen, wie „Klubrádió“, mussten den Sendebetrieb aufgrund regulatorischer Schwierigkeiten einstellen. Viele kritische Journalisten berichten, dass es für sie zunehmend schwieriger wird, wirtschaftlich zu überleben.
Im Pegasus-Skandal (2021) wurde auch die ungarische Regierung beschuldigt, die Pegasus-Überwachungssoftware verwendet zu haben, um Journalisten, Aktivisten und Kritiker auszuspionieren. Die Software ermöglichte das Ausspähen von Smartphones, einschließlich Nachrichten, Anrufen und der Nutzung von Kamera und Mikrofon. Trotz internationaler Kritik blieben offizielle Ermittlungen gegen Verantwortliche aus. Organisationen wie Reporter ohne Grenzen verurteilten den Vorfall als schwerwiegenden Eingriff in die Pressefreiheit, doch Ungarn bestritt unrechtmäßig gehandelt zu haben.
Wie können wir als Auswanderer das sehen?
Für Neuankömmlinge in Ungarn ist es entscheidend, die politische Polarisierung der Medien zu verstehen. Dein Medienkonsum sollte bewusst gestaltet werden, indem verschiedene Quellen konsultiert werden. So ist es eher möglich, ein ausgewogeneres Bild der politischen Lage zu erhalten. Ungarischkenntnisse (oder gute Übersetzungstools) sind dabei von Vorteil, da die meisten Medien natürlich auf Ungarisch erscheinen. Dennoch gibt es auch internationale Berichterstattung und englischsprachige Quellen, die ebenfalls wertvolle Informationen liefern können.
Fazit
Die ungarische Medienlandschaft ist stark durch politische Einflüsse geprägt, was sich in der Spaltung zwischen regierungsnahen und oppositionellen Medien widerspiegelt. Die regierungsnahen Medien dominieren, jedoch sind auch unabhängige und regierungskritische Stimmen verfügbar. Im Vergleich zu anderen EU-Ländern wird zudem die Unabhängigkeit der ungarischen Medienbehörde als stark hervorgehoben. Diese ist nicht direkt der Regierung unterstellt und wird durch ein Gesetz reguliert, das eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erfordert. Interessanterweise werden, laut der oben erwähnten Analyse, regierungsnahe Medien häufiger bestraft als regierungskritische: Über zwei Drittel aller Sanktionen zwischen 2012 und 2023 betrafen regierungsnahe oder öffentlich-rechtliche Medien.
Als Leser ist es ratsam, unterschiedliche Medien zu vergleichen, um sich ein umfassendes Bild zu machen. Diese Vielseitigkeit bietet aber auch die Chance, sich umfassend zu informieren und eine differenzierte Meinung zu bilden.
Was ich dazu denke
Dieser Artikel entstand mit viel Unterstützung von ungarischen Landsleuten, also Menschen, die seit Jahrzehnten mitbekommen, wie die Medien hier berichten. Somit habe ich einige Gespräche zu diesem „nicht ganz einfachen“ Thema geführt, da mit eine bestmögliche Objektivität wichtig war. Ganz einfach ist das aber nicht umzusetzen. Nicht umsonst wird, in Bezug auf Kommunikation mit Ungarn, immer davor gewarnt politische Themen anzusprechen.
Persönlich bin ich mit der „Pressefreiheit“ in Ungarn eigentlich zufrieden. Es ist ermutigend, dass ich alle Arten von Medien ohne Einschränkungen konsumieren kann und dass auch kritische Meinungen ohne Zensur veröffentlicht werden können. So empfinde ich es zumindest. Natürlich sollte es jedoch, um wirkliche Transparenz zu zeigen, ein oppostioneller Verlag finanziell nicht schwerer haben sollen, als ein regierungsnaher.
Mit der stetigen Veränderung der Medienlandschaft, die aktuell immer deutlicher sichtbar wird, werden wohl immer mehr der traditionellen Informationsquellen abgelöst. Somit kann der Weg geebnet werden von „Meinung und Ideologie“ hin zur wirklichen „Wahrheit“. Denn diese braucht keine teuren Printmedien oder Fernsehsender mehr und sie wird, auch über die Grenzen hinweg, ihre Adressaten finden.
Schön wäre dennoch auch jetzt schon ein Medium, das sich wirklich zentral positioniert und ein tiefes Verständnis für beide Seiten zeigt. Ein solches Medium könnte einen ausgewogenen Mix an Nachrichten aus einer Hand bieten, wodurch es einfacher wäre, die komplexen Themen der aktuellen Medienlandschaft besser zu verstehen.
Eine weitere Meinung
In einem sehr empfehlenswerten Kontrafunk-Interview berichtet der Medienkolumnist der Weltwoche, Kurt W. Zimmermann, über seine Erfahrungen mit den ungarischen Medien. Er hat lange Jahre in Budapest gelebt und seine Frau ist Ungarin. Das Video findest Du auf https://www.youtube.com/watch?v=i1HrNgznSyY&t=2144s .
Weiterlesen
Wer die (bestimmt nicht einfache) Thematik noch tiefgehender angehen möchte, dem sei der Artikel https://visegradpost.com/de/2020/03/21/die-lage-der-presse-in-ungarn-ein-schonungsloser-grabenkampf/ ans Herz gelegt. Auf UngarnHeute gibt es ebenfalls einen Interessanten Text mit dem Titel „Zahl regierungskritischer Medien nimmt seit 2010 stetig zu“ (https://ungarnheute.hu/news/zahl-regierungskritischer-medien-nimmt-seit-2010-stetig-zu-63815/)
Bilde deine eigene Meinung
Hier eine Liste der wichtigsten Print- und Online-Medien, anhand deren Webseiten du schauen kannst, ob deren Denkweise in dein Spektrum passt:
- Origo (www.origo.hu): Rechts, konservativ. Früher unabhängig, heute eines der größten regierungsnahen Nachrichtenportale.
- Magyar Nemzet (magyarnemzet.hu): Rechts, nationalistisch. Eine einflussreiche Tageszeitung, die stark regierungsfreundlich ist.
- PestiSrácok (pestisracok.hu): Rechts, konservativ. Online-Plattform mit Schwerpunkt auf investigativem Journalismus und konservativen Themen.
- Mandiner (mandiner.hu): Rechts, konservativ. Politische und kulturelle Publikation, die konservative Werte unterstützt.
- Index (index.hu): Mitte-Rechts. Früher das führende unabhängige Portal, gilt es heute als regierungsfreundlich bzw. „gezähmt“.
- Hirado.hu (hirado.hu): Offizielles Portal der staatlichen Medienholding (MTVA). Gilt als das „Sprachrohr“ der Regierung und folgt strikt der offiziellen Linie.
- Telex (telex.hu): Links, liberal. Gegründet von ehemaligen Journalisten von Index, unabhängig und regierungskritisch.
- Népszava (nepszava.hu): Links, sozialdemokratisch. Eine der ältesten Zeitungen, die sozialdemokratische Positionen vertritt.
- 24.hu (24.hu): Liberal, unabhängig. Eines der reichweitenstärksten Online-Portale, oft regierungskritisch und mit Fokus auf Breaking News.
- 444.hu (444.hu): Links, liberal. Unabhängiges Online-Portal mit regierungskritischen und investigativen Inhalten.
- HVG (Heti Világgazdaság) (hvg.hu): Links, liberal. Wochenzeitschrift, die sich auf Politik und Wirtschaft konzentriert und oft regierungskritisch ist.