Letzte Ruhe unter Bäumen – Waldbestattung in Ungarn

Immer mehr Menschen tragen den Wunsch in sich, auch nach dem Tod mit der Natur verbunden zu bleiben. In Ungarn spiegelt sich diese Sehnsucht im Emlékerdő Agostyán wider, dem ersten Gedenkwald des Landes, der unweit der Stadt Tata entstanden ist und eine sanfte Alternative zu traditionellen Friedhofsbestattungen bietet. Das Grundprinzip orientiert sich an den Friedwäldern, die in Deutschland seit Jahren Zuspruch finden: Die Asche einer verstorbenen Person wird in einer vollständig abbaubaren Urne unmittelbar im Wurzelbereich eines ausgewählten Baumes beigesetzt. So übernimmt der Wald die Pflege, steinerne Grabmale oder üppiger Grabschmuck entfallen, und eine schlichte Namensplakette erinnert dezent an das gelebte Leben.

Auch im Emlékerdő wird dieses Konzept konsequent umgesetzt. Angehörige können dabei wählen, ob sie einen Familien-, Partner- oder Gemeinschaftsbaum erwerben; jede Entscheidung fällt erst nach einem ausführlichen gemeinsamen Rundgang und Gespräch mit den Betreibern, damit Baumart, Lage und Atmosphäre zum Andenken passen. Der Wald selbst bleibt weitgehend unberührt, lediglich natürliche Pfade führen zu den Ruhestätten, sodass Trauernde inmitten von Vogelgesang und Blätterrauschen innehalten können.

Dass das Projekt in Ungarn anders heißt und leicht anders organisiert ist, hat vorrangig rechtliche Gründe. „FriedWald“ und „RuheForst“ sind in Deutschland eine geschützte Marken, während das ungarische Bestattungsrecht einen flexibleren Rahmen setzt: Nach dem Gesetz XLIII von 1999 und der Regierungsverordnung 379/2013 darf eine Urne – sofern Eigentümerin oder Eigentümer des Grundstücks zustimmt und die Würde des Ortes gewahrt bleibt – auch abseits klassischer Friedhofsflächen beigesetzt oder die Asche nach Wunsch verstreut werden. Für den Emlékerdő bedeutet das, dass das Waldstück nicht zum Friedhof erklärt werden musste, sondern als offiziell anerkannte „temetkezési emlékhely“, also als Gedenkstätte, fungiert. Damit unterscheidet sich das Modell vom stärker regulierten deutschen Netzwerk, öffnet aber gleichzeitig Spielraum für weitere Initiativen in anderen Landesteilen.

Die gesellschaftliche Akzeptanz wächst beständig. Einerseits steigen die Einäscherungszahlen, weil Feuerbestattungen oft kostengünstiger sind und keine Grabpflege erfordern; andererseits unterstützt auch die katholische Kirche Ungarns diese Praxis, sofern die Asche würdevoll an einem geweihten oder zulässigen Ort beigesetzt wird. Zudem liegt eine naturverbundene Bestattung im Trend eines bewussteren, nachhaltigeren Lebensstils – ein Aspekt, der sowohl Einheimische als auch viele nach Ungarn ausgewanderte Naturfreundinnen und -freunde anspricht.

Mit dem Emlékerdő Agostyán betritt Ungarn Neuland: Der Erinnerungswald zeigt, wie sich moderne Bestattungskultur, ökologische Verantwortung und persönliche Spiritualität vereinen lassen. Wer also darüber nachdenkt, seine letzte Ruhe in einem grünen Refugium fernab von Stein und Beton zu finden, entdeckt hier einen Ort, an dem Leben, Tod und Natur in stiller Harmonie zusammenfinden.

Was bringt die Zukunft?

Ein vorwärtsgerichteter Blick zeigt, dass das Agostyáner Emlékerdő nicht mehr lange allein bleiben wird. Der Betreiber kündigt auf seiner Website an, dass bereits 2025 ein zweiter Standort eröffnet werden soll; der genaue Ort wird noch nicht öffentlich genannt, doch das Projekt ist behördlich in Vorbereitung.

Auch die Hauptstadt plant mit: In der 2024 beschlossenen Klimastrategie und dem Grünflächenentwicklungsplan Budapests taucht ein „Budapest Emlékerdő“ als Schlüsselprojekt auf. Die Stadt will bis spätestens 2027 ein solches Naturfriedhofsareal schaffen – vermutlich am Stadtrand, wo ausreichend Waldfläche verfügbar ist.

Währenddessen arbeitet die staatliche Forstgesellschaft Mecsekerdő Zrt. im süd­trans­danubischen Raum schon konkret an einem ein-Hektar-„emlékerdő” bei Szigetvár. Die Fläche wird derzeit bepflanzt; sobald die Genehmigung als temetkezési emlékhely vorliegt, könnte dort ebenfalls naturnahe Urnenbeisetzung möglich sein.

Insgesamt deutet also vieles darauf hin, dass sich das Konzept der Naturbestattung in Ungarn bald über mehrere Regionen hinweg etabliert.

Markus Messemer